Das A-Wort
Hey Brand-Fan,
"authentisch" ist das meist-missbrauchte Wort im Branding. Steht auf jeder Website, in jedem Pitch Deck, in jeder Brand Guideline. Und genau deshalb bedeutet es nichts mehr.
Real Talk: Wenn alle authentisch sind, ist es keiner.
Das Wort ist da gelandet, wo "innovativ" und "kundenorientiert" schon länger rumliegen.. im Buzzword-Friedhof. Schade drum, denn die Idee dahinter ist immer noch die stärkste im ganzen Branding-Game.
Das eigentliche Problem: Authentizität ist zur Performance geworden.
Kennst du noch den Crying CEO? August 2022 entlässt ein US-Agentur-Chef Mitarbeiter aus seinem 15-Leute-Team und postet danach ein Selfie von sich. Weinend. Auf LinkedIn. Sein Opener: "This will be the most vulnerable thing I'll ever share."
Über 30.000 Likes, rund 6.000 Kommentare, und ein Shitstorm, der bis heute als Lehrstück gilt. Warum? Weil die meisten gecheckt haben: Das ist vermutlich keine Verletzlichkeit, sondern schlichtweg Content.
Und dieses Muster läuft gerade everywhere. Gescriptete "spontane" Founder-Videos. Ads im Wackel-Handy-Look, die nach echten Kunden aussehen sollen, aber von Agenturen mit Storyboard produziert wurden. Geplante Imperfektion als Stilmittel, quasi.
Spoiler: Deine Zielgruppe merkt das. Vielleicht nicht beim ersten Video. Spätestens beim fünften.
Wie der Beweis stattdessen aussieht, zeigen zwei Brands, die das A-Wort vermutlich nie gebraucht haben:
Frosta. 2003 verpasst sich die Marke ein eigenes Reinheitsgebot: null Zusatzstoffe, und jede einzelne Zutat wird aufs Pack gedruckt. Heute sind das über 200 Zutaten aus 35 Ländern, inklusive Herkunftsland, bis zum letzten Pfefferkorn.
Der Preis dafür war heftig: Die Produkte wurden teurer, die Kunden skeptisch, und 2003 fuhr Frosta das schlechteste Geschäftsergebnis der Firmengeschichte ein. Sie sind trotzdem drangeblieben. 2013 legten sie als erster deutscher Lebensmittelhersteller die Herkunft sämtlicher Zutaten offen, inzwischen gab's dafür unter anderem viermal den Deutschen Nachhaltigkeitspreis.
Und die Marke wächst auf einem Vertrauen, das du mit keinem Media-Budget kaufen kannst.
Lush. Im November 2021 steigt die Kosmetikmarke komplett aus Instagram, Facebook, TikTok und Snapchat aus, in allen 48 Märkten. Der Grund: Die Plattformen passen nicht mehr zu dem, wofür die Brand steht. CEO Mark Constantine rechnete damals selbst mit rund 10 Millionen Pfund Verlust und sagte sinngemäß: nehme ich.
Was dann kam: das beste Weihnachtsgeschäft seit zwei Jahren mit 20 Prozent mehr Umsatz in den fünf Wochen bis Boxing Day, und im Geschäftsjahr 2022 ein Sprung von 45 Millionen Pfund Verlust auf 29 Millionen Gewinn. Seit 2023 sind sie auch von X runter. Stand Anfang 2025: immer noch nicht zurück.
Siehst du das Muster? Beide haben für ihre Überzeugung erstmal richtig bezahlt. Mit Umsatz und Reichweite.
Echte Authentizität kostet was.
My 2 Cent: Du erkennst echte Authentizität am Preisschild.
Frag dich bei jeder Brand (auch bei deiner eigenen): Was hat uns unsere Überzeugung schon mal gekostet? Ein Kunde, der nicht zu uns passt? Ein Trend, den wir bewusst ausgelassen haben? Ein schnellerer, billigerer Weg, den wir nicht gegangen sind?
Wenn die Antwort "nichts" ist, hast du keine Authentizität. Du hast ein Adjektiv auf deiner Website.
Und wie trittst du jetzt wirklich authentisch auf? So:
✅ Entscheide, was du weglässt. Bei Frosta begann alles mit einer Streichliste: Zusatzstoffe raus, fertig. Eine klare Sache, die du ab sofort nicht mehr machst, sagt mehr über deine Brand als zehn Werte-Slides. Und sie ist beweisbar.
✅ Zeig den Maschinenraum. Echte Einblicke in deinen Prozess, deine Entscheidungen, dein Pricing. Ungefiltert heißt dabei übrigens ungefiltert.. wenn du für das "spontane" Video drei Takes brauchst, lass es lieber ganz.
✅ Lass die echten Leute reden. Dein Team, deine Kunden, mit eigenen Worten statt Skript. Klingt am Ende vielleicht holprig, aber holprig schlägt poliert. Jedes Mal.
✅ Kommuniziere Fehler wie ein Erwachsener. Was ist passiert, was kostet es, was ändert ihr. Ohne Selfie, ohne Drama.
Der schnellste Test für alles davon: Würdest du es genauso machen, wenn keiner zuschaut und keiner liked? Wenn ja, ist es echt. Wenn nein, ist es Content.
Und nein, du musst jetzt nicht deine Social-Kanäle löschen oder dein Business-Modell sprengen. Es reicht ein einziges Versprechen, das dich wirklich was kostet, und das du dann hältst. Auch wenn's unbequem wird.. that's it.
stay bullish 🔥 Chantalle
P.S. Du willst wissen, wo deine Brand gerade claimt statt beweist? Schreib mir, ich schau mit dir drauf. Von außen sieht man das oft schneller als von innen. ✉️ chantalle@boredbrands.studio
